Kräuterexpertin
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Kräuterwanderungen: Essbare Pflanzen entdecken und erleben

Von „Wandern“ kann eigentlich keine Rede sein, wenn man sich mit Heilpraktikerin Renate Bremicker in Wachenheim auf den Weg macht. Bei ihren Kräuterwanderungen geht es nicht um lange Distanzen, sondern um die Vielfalt der Pflanzenwelt, die es mit allen Sinnen zu entdecken gilt: Dann ist genaues Hinschauen gefragt, manchmal auch Befühlen, Beschnuppern und vorsichtiges Kosten. Auch wenn nach so einer Kräuterwanderung nicht alle Pflanzen im Gedächtnis bleiben — die freudige Überraschung, an welchen Schätzen medizinischen und kulinarischen Wissens man sonst achtlos vorbeigeht, ist nachhaltig. Wir haben die Kräuterexpertin Renate Bremicker befragt:
Es gibt viele Bücher zum Thema Wildkräuter: Warum sollte man dennoch an einer geführten Kräuterwanderung teilnehmen?

In der Natur sehen viele Pflanzen nicht so aus wie auf Abbildungen in Büchern. Je nach Jahreszeit, Standort und Nährstoffgehalt des Bodens entwickelt sich die gleiche Pflanzenart ganz unterschiedlich. Umso wichtiger ist es daher, alle Sinne gebrauchen zu lernen und eine gewisse Systematik der Pflanzenbestimmung zu kennen. Das kann lernt man am besten in der Praxis.

Wie bauen Sie eine Kräuterwanderung auf?

Meine Kräuterwanderungen haben immer einen thematischen Schwerpunkt. Wenn ich essbare Wildkräuter vorstelle, stehen andere Pflanzen im Fokus, als wenn ich Pflanzen zeige, die für die Frauenheilkunde wichtig sind oder — bei Kinderführungen — in Märchen eine Rolle spielen.

Ihre Kräuterwanderungen verstehen Sie vor allem als Sinnesschulung und Training im achtsamem Umgang mit der Natur. Wie sieht die Begegnung mit Pflanzen aus?

Nicht jede Pflanze ist gut für uns Menschen. Deshalb ist es wichtig, dass wir erst einmal genau hinschauen, bevor wir sie berühren oder gar ein Blatt wegnehmen. Es gibt bei uns sehr giftige Pflanzen, die man besser nicht berühren sollte. Andere sind zwar nicht giftig, können jedoch unangenehme Hautreaktionen hervorzurufen.

Und wie geht es dann weiter?

Nur durch das genaue Betrachten aller Pflanzenteile ist eine exakte Bestimmung möglich. Wichtig sind die Form und die Anordnung der Blätter, die Farbe und Form der Blüten, die Größe der Pflanze, der Stiel und manchmal auch die Wurzeln.

Wenn wir die Pflanze bestimmt haben, komme ich auf die Anwendungen zu sprechen. Manche Pflanzenteile können vielleicht in der Küche verwendet werden, zum Beispiel die Blätter als Gemüse oder Salat oder die Blüte als essbare Dekoration. Manchmal kann man aus den Wurzeln ein wohlschmeckendes Gericht zaubern. Und häufig sind bestimmte Teile der Pflanze auch medizinisch nutzbar, zum Beispiel als Aufguss oder zerkleinert als breiiger Umschlag. In einer Pflanze kann also ganz viel Verschiedenes stecken – und das ist es, was uns Menschen fasziniert.

Wie lange ist man bei Ihrer Kräuterwanderung unterwegs?

Meistens zwei Stunden. In dieser Zeit stelle ich etwa 30 bis 40 verschiedene Pflanzen vor. Am Ende merken sich die Teilnehmer meist nur drei bis vier Pflanzen. Um selbst loszuziehen und Wildkräuter zu sammeln, empfehle ich daher, mehr als eine geführte Wanderung mitzumachen. Dann ist man sicherer in der Bestimmung der Pflanzen und kennt bereits einige Pflanzen mehr.

Gibt es klassische Anfängerpflanzen?

Einige Pflanzen sind natürlich bekannter als andere. Zum Beispiel Klee, Löwenzahn oder Sauerampfer. Nur wenige Teilnehmer wissen, dass manche dieser Pflanzen nicht für alle Menschen gleich gut verträglich sind. Sauerampfer und Sauerklee enthalten zum Beispiel Oxalsäure, ein Stoff, der von Menschen mit Nierenleiden besser gemieden werden sollte.

Was macht Kräuterwanderungen zu einem ganzheitlichen Erlebnis?

Wer nach Kräutern sucht, bewegt sich langsamer und achtsamer durch die Natur. Wir legen bei einer Kräuterwanderung meist nur kleine Strecken zurück. Dennoch sind die Teilnehmer am Ende überrascht, was sie alles entdeckt und erlebt haben. Diese Intensität der Begegnung mit der Natur, gepaart mit der Erkenntnis, wie vieles zusammenhängt und sich wechselseitig bedingt, macht den Reiz einer Kräuterwanderung aus. 

Welche Tipps geben Sie den Teilnehmern Ihrer Kräuterwanderungen abschließend mit auf den Weg?

Nur Pflanzen zu sammeln, die sie wirklich kennen. Nur so viel zu sammeln, wie sie verarbeiten können. Immer genug stehen zu lassen, damit die Pflanze überlebt. Kräuter niemals neben dicht befahrenen Straßen, neben gedüngten Feldern oder an Hundewegen zu pflücken. Und zur Sicherheit ein gutes Bestimmungsbuch dabei zu haben.

Buchtipps zur Wildkräuterbestimmung

Für Einsteiger, drei Leichtgewichte für den Rucksack:

  • "Welche Beeren und Wildkräuter sind das?" stellt 130 essbare Pflanzen vor, sortiert nach Jahreszeiten und Blütenfarben (Kosmos Verlag)
  • „Essbare Wildkräuter und Wildbeeren für unterwegs“ ordnet die Pflanzen ihren jeweiligen Lebensräumen zu (Kosmos Verlag)
  • „Wildkräuter und Wildfrüchte bestimmen leicht gemacht“ teilt die Pflanzen speziell nach der Blattworm ein (Gräfe und Unzer Verlag).

Für Erfahrenere, zwei umfangreichere Werke:

  • „Essbare Wildpflanzen, 200 Arten bestimmen und verwenden“ beschreibt Blattformen, Standort, Erntezeit, essbare Pflanzenteile sowie Verwendung in Küche und Hausapotheke sehr sorgfältig (AT-Verlag)
  • "Der illustrierte BLV Pflanzenführer für unterwegs" stellt über 1000 Blumen, Gräser, Bäume und Sträucher vor. Statt Fotos arbeitet dieses Nachschlagewerk mit Illustrationen, die die typischen Pflanzenmerkmale zeigen.

Eher fürs Schmökern auf dem Sofa eignet sich das schön bebilderte Buch der Kräuterpädagogin Monika Wurft, die in "Mein Wildkräuterbuch" 30 essbare Pflanzen vorstellt und ihre kulinarische und medizinische Verwendung beschreibt (Ulmer Verlag).

Kräuterexpertin Renate Bremicker
Renate Bremicker

Renate Bremicker ist ausgebildete Heilpraktikerin und bietet regelmäßig Kräuterwanderungen zu verschiedenen Themen in Wachenheim an. Auch individuelle Wanderungen für Kleingruppen können Sie mit ihr vereinbaren. Termine und weitere Informationen finden Sie hier.

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